Nachhaltigkeit und Sustainable Finance ist momentan in aller Munde. Auch für Finanzanlagenvermittler steht eine Anpassung bevor: Die FinVermV wird derzeit an die neuesten EU-Vorgaben für Berater zur Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen angepasst (vgl. 'k-mi' 46/22). Auch die von 'k-mi' koordinierte Bundesarbeitsgemeinschaft Mittelständischer Investmentpartner/BMI hat eine Stellungnahme zum Verordnungsentwurf abgegeben. Wir werden Sie über den Konsultationsprozess in den nächsten Wochen immer wieder auf dem laufenden halten!
Das Hauptproblem aber bleibt: Die Vorgaben der EU zu nachhaltigen Finanzprodukten und Sustainable Finance sind zu kompliziert, zu bürokratisch und gleichzeitig zu unscharf: Damit droht das Mammut-Projekt 'Green Deal' der Paragraphenschmiede EU durch die Unsicherheit und den Zusatz-Aufwand für die Finanzmarktakteure vielmehr zum Hemmschuh für die geplante ökologische bzw. klimapolitische Transformation zu werden. Ein Riesen-Thema, dem sich nun auch (erneut) der DIHK auf politischer Ebene widmet: Der DIHK hat dazu das Positionspapier "Sustainable Finance: Finanzierung der Transformation fördern statt erschweren!" vorgelegt. Der DIHK hat dort drei Hauptforderungen formuliert – sowohl aus Sicht der Finanzbranche als auch der mittelständischen Realwirtschaft: ++ EU-Taxonomie vereinfachen und in der Praxis handhabbar machen ++ Verhältnismäßigkeit für die Breite der Wirtschaft wahren ++ Globale Standards unterstützen.
Zunächst liefert der DIHK in seinem Positionspapier eine sehr kritische Bestandsaufnahme der europäischen Regeln für eine nachhaltige Finanzwirtschaft: "In delegierten Rechtsakten der EU-Kommission werden die sehr detaillierten und anspruchsvollen, teilweise aber nur schwer erfüllbaren quantitativen und technischen Kriterien beschrieben, mit denen eine wirtschaftliche Tätigkeit als nachhaltig eingestuft wird oder nicht. Das Vorhaben hat eine zunehmende Komplexität, weil vor allem für die Transformation von noch nicht nachhaltigen wirtschaftlichen Aktivitäten die Taxonomie erweitert werden muss.“ Die Schwierigkeit sei vor allem, so der DIHK, Unternehmen eindeutig zu klassifizieren: "In der Praxis sind betriebliche Wertschöpfungsketten nicht eindeutig zuzuordnen. Geschäftsmodelle ändern sich im Zeitablauf. Unternehmen kombinieren wirtschaftliche Tätigkeiten wie 'braune' und 'grüne' Produktion. Einzelne Aktivitäten können oft nicht trennscharf in nachhaltig oder nicht-nachhaltig eingeteilt werden. Eine sich anpassende und kontinuierlich in Kooperation mit der Wirtschaft weiterentwickelte Regulierung würde daher der Transformation besser dienen als kleinteilige und statische Vorgaben. Gleichzeitig dürfen sich die Bedingungen nicht zu oft und schnell verändern, um die notwendigen Investitionen der Unternehmen zu ermöglichen."
Dies führt dann auch das Bestreben der EU an seine Grenzen, sog. 'Greenwashing' zu bekämpfen. Der DIHK erläutert dies am Beispiel der Windenergie: "Unternehmen, die in ihren Betriebsabläufen heute noch viel CO2 emittieren müssen, machen sich vielfach auf den Weg, ihre Produktionsverfahren und Energieversorgung umzustellen. Dieser Wandel hin zur Klimaneutralität sollte aus Sicht der Mehrheit der Betriebe nicht ausgebremst werden, indem der Zugang zu Finanzierungen für die notwendigen Investitionen durch zu hohe Anforderungen erschwert wird. Zudem tragen zahlreiche, heute noch emissionsintensive Branchen zur Herstellung von Klimaschutztechnologien bei; beispielsweise werden in jeder Windkraftanlage große Mengen Stahl oder Kupfer verbaut. Das Angebot an 'grün' produziertem Stahl ist hingegen aufgrund der hohen technischen Komplexität des Produktionsprozesses weltweit sehr begrenzt." Der DIHK fordert die EU bzw. die Politik daher zu nichts weniger auf, als das gesamte Taxonomie-Konzept grundlegend zu überdenken: "Der Gesetzgeber sollte davon Abstand nehmen, einzelne Wirtschaftsbereiche von vornherein als nicht-taxonomie-konform einzustufen. Die EU-Taxonomie-Verordnung sollte stattdessen so ausgestaltet werden, dass alle Unternehmen die Chance haben, einen Transformationsprozess hin zu einer stärkeren Nachhaltigkeit einzuleiten und finanziert zu bekommen."
Ein weiteres großes Manko laut DIHK: Die ausufernden Nachhaltigkeits-Berichtspflichten für den Mittelstand: "Aus Sicht der Breite der Wirtschaft ist es daher dringend erforderlich, einen einfachen und proportionalen Berichtsstandard für KMU zu entwickeln. Vor jeder Berichtspflicht sollte der Nutzen der geforderten Information für die Transformation belegt sein. Eine Standardisierung sollte zudem deutliche Differenzierungen der Anforderungen im Hinblick auf den Zweck der verlangten offenzulegenden Daten vornehmen und Redundanzen vermeiden. Dafür ist eine Priorisierung der Informationen im Hinblick auf die Nachhaltigkeitsziele erforderlich." Schließlich der dritte Punkt: Die EU reguliert quasi am Rest der Welt vorbei, so der DIHK: "Unterschiedliche Systeme und Methoden der Nachhaltigkeitsberichterstattung verursachen in den Unternehmen allerdings erheblichen bürokratischen Aufwand und verhindern globale Transparenz. Globale Standards können hier Effizienzgewinne heben und für mehr Aussagekraft sorgen. Diese Entwicklung sollte sich an etablierten Standards orientieren."
'k-mi'-Fazit: Wenn man gar nicht genau definieren kann, was nachhaltig ist, kann man auch 'Greenwashing' nicht wirksam bekämpfen. Wenn man darüber hinaus Unternehmen, Vertrieben und Fondsmanagern bei zunehmender Rechtsunsicherheit nur immer weitere – hinsichtlich ihrer Wirksamkeit zweifelhafte – Reporting-Pflichten auferlegt, wird man auch Geldströme von Kunden kaum wirksam umleiten können, sofern letzteres überhaupt sinnvoll ist. Es ist sehr gut, dass der DIHK nun – als Finanzanlagenvermittler-Aufsicht – diese Bälle auf die politische Ebene zurückspielt. Die ist nun am Zug, denn so wie bisher kann es mit 'Sustainable Finance' nicht weitergehen! Wie man z. B. 'Greenwashing' dagegen effektiv bekämpft, praktiziert 'k-mi' schon seit vielen Jahren. Letztlich geht es aber darum, deren wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu bewerten. Im Kasten sehen Sie eine Auswahl von problembehafteten Ökoinvestments, vor denen 'k-mi' oft rechtzeitig gewarnt hat. Die Arbeit wird uns wohl nicht ausgehen!