Leasingmarkt für Güterwagen: Privat hat Vorfahrt vor Staat
Der Güterschienenverkehr als Investitions- und Wachstumsmarkt (Teil 2)
– André Wreth, Geschäftsführer der Solvium Capital Vertriebs GmbH –
Der Vermietmarkt für Güterwagen
Der Vermietmarkt für Güterwagen in Europa ist heute ein etablierter und wichtiger Teil der Schienenlogistik: Vermietunternehmen bieten Eisenbahnverkehrsunternehmen und Industriekunden die Möglichkeit und die nötige Fexibilität, ihre Flotten an Nachfrageschwankungen anzupassen. Der Vermietmarkt für Güterwagen in Europa hat sich somit von seinen Anfängen vor über 150 Jahren zu einem unverzichtbaren Teil der modernen Schienenlogistik entwickelt. Er trägt wesentlich zur Flexibilität und Effizienz des Schienengüterverkehrs bei und wird angesichts der wachsenden Bedeutung nachhaltiger Transportlösungen voraussichtlich weiter an Bedeutung gewinnen.
Durch den Green Deal der EU soll insbesondere die Transformation der Transportlogistik unterstützt werden, da der Schienenverkehr als umweltfreundlicher und damit besonders förderungswürdig gilt. So soll der Schienengüterverkehr bis 2030 um 50 % (im Vergleich zu 2020) gesteigert werden. Dadurch erhält der Markt neben der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung eine politische Komponente, die die Nachfrage nach Güterwagen in den nächsten Jahrzehnten unterstützen wird.
Mietverträge werden in aller Regel mit einer kurz- und mittelfristigen Laufzeit abgeschlossen (wenige Monate bis 5 Jahre, kürzer als 3 Jahre ist für Solvium eher die Ausnahme). Als Kunden kommen alle lizenzierten Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) infrage, die sich mit Gütertransporten beschäftigen. Hierzu zählen ehemalige Staatsbahnen wie DB Cargo sowie private und internationale Unternehmen aus dem Bereich der Logistik sowie Industrieunternehmen, deren Produkte häufig auf der Schiene transportiert werden
Vermietete Güterwagenportfolios werden regelmäßig zwischen Finanzinvestoren gehandelt, während unvermietete Güterwagen frei den Eigentümer, aber auch den ECM (Entity in Charge of Maintenance) und die Vermietgesellschaft wechseln können.
Politischer Rückenwind
Das sog. 'Vierte Eisenbahnpaket', ein umfassendes Gesetzespaket der EU, trat am 31. Oktober 2020 vollständig in Kraft. Es zielt darauf ab, den einheitlichen europäischen Eisenbahnraum (SERA) zu vollenden und die Wettbewerbsfähigkeit des Schienenverkehrs zu stärken. Ein Hauptziel ist die Harmonisierung technischer Standards auf EU-Ebene, was besonders für den Güterverkehr von Bedeutung
ist. Durch vereinfachte Prozesse sollen Verwaltungsverfahren rationalisiert und beschleunigt werden, was zu geringeren Kosten und Risiken in der Projektabwicklung führt. Dies erleichtert den Marktzugang für neue Anbieter und fördert Innovationen im Sektor. Klare Regeln für den Marktzugang und den Wettbewerb sollen einen funktionierenden Eisenbahnmarkt ohne Wettbewerbsverzerrungen gewährleisten. Im Güterverkehr wird besonders die Priorisierung auf definierten Korridoren, sogenannten 'Güterfreeways', angestrebt. Trotz der Fortschritte gibt es noch Herausforderungen, wie die Anpassung nationaler Gesetze und Verwaltungsstrukturen an den neuen EU-Rechtsrahmen sowie die Verbesserung der Pünktlichkeit im Schienengüterverkehr, die derzeit nur bei etwa 50 bis 60 % liegt.
Um dem Bedarf an zunehmender Verkehrsleistung auch möglichst umweltverträglich nachzukommen, hat das Bundesverkehrsministerium bereits 2017 den 'Masterplan Schienengüterverkehr' veröffentlicht. Das klare Ziel: Der Schienengüterverkehr soll im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern gestärkt und wirtschaftlich attraktiver gemacht werden. Dies soll zur Senkung der CO₂-Emissionen, der Stickoxide und des Feinstaubs führen und damit wesentlich zur Erreichung der Klimaziele im Verkehrssektor beitragen.
In dem 10-Punkte-Strategiepapier, das sich mit dem Leitbild und der Zukunft des Schienengüterverkehrs in Deutschland beschäftigt, wurden Handlungsempfehlungen für die Bahnbranche und Politik verfasst. Zu den Eckpunkten gehören unter anderem:
- Ertüchtigung des Schienennetzes für den Betrieb von 740 Meter langen Güterzügen (EU-Standard)
- Ausbau von Engpasskorridoren und Bahnknotenpunkten wie Köln, Hamburg, Frankfurt, München und Hannover sowie deren Zulaufstrecken
- Förderung des kombinierten Verkehrs aus Schiene und Straße durch Privilegien im Vor- und Nachlauf zur Schiene; Ausbau separater Fahrspuren
- Planungsbeschleunigung für Güterverkehrsprojekte
Durch das jüngst beschlossene Sondervermögen Infrastruktur verbessern sich darüber hinaus die Finanzierungsbedingungen für die Schieneninfrastruktur erheblich, z. B. für die noch während der Ampel-Regierung durch die Beschleunigungskommission Schiene vorgelegten Handlungsempfehlungen.
ECM - Kontrolle und Verantwortlichkeit
Ein zentraler Aspekt der Sicherheit und Zuverlässigkeit im europäischen Güterwagenverkehr ist das Konzept der Entity in Charge of Maintenance (ECM). Für jeden Güterwagen gibt es eine solche verantwortliche Stelle, die für die Einhaltung der Prüf- und Wartungsintervalle zuständig ist. Diese Regelung, die auf EU-Ebene verbindlich ist, stellt sicher, dass jeder Wagen regelmäßig und fachgerecht gewartet wird. Die ECM kann der Eigentümer selbst, ein Eisenbahnverkehrsunternehmen oder ein spezialisierter Dienstleister sein. Sie muss ein zertifiziertes Instandhaltungssystem vorweisen und ist verpflichtet, detaillierte Aufzeichnungen über alle Wartungsarbeiten zu führen. Diese Verantwortlichkeit erstreckt sich über den gesamten Lebenszyklus des Wagens und umfasst sowohl routinemäßige Inspektionen als auch umfangreiche Revisionen. Durch dieses System wird nicht nur die Betriebssicherheit jedes einzelnen Güterwagens gewährleistet, sondern auch die Effizienz und Zuverlässigkeit des gesamten Schienengüterverkehrs in Europa erhöht. Die ECM-Regelung trägt somit wesentlich zur Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit des Schienengütertransports bei. Seit dem 16. Juni 2022 müssen alle ECMs für sämtliche Schienenfahrzeuge zertifiziert sein, nicht nur für Güterwagen. Diese Erweiterung der Zertifizierungspflicht basiert auf der Durchführungsverordnung (EU) 2019/779 und zielt darauf ab, die Sicherheitsstandards im gesamten europäischen Schienenverkehr weiter zu erhöhen.
Zusammenfassung: Wachstum des europäischen (Leasing-)Marktes für Güterwagen
Der Markt für Güterwagenleasing in Europa zeigt ein signifikantes Wachstum, das durch mehrere Faktoren beeinflusst wird. Die steigende Nachfrage nach umweltfreundlichen Transportlösungen, die Liberalisierung des Schienenverkehrs und Investitionen in die Infrastruktur sind entscheidende Treiber dieses Wachstums. Wichtige Punkte:
- Marktentwicklung: Der Leasingmarkt für Güterwagen wird voraussichtlich in den kommenden Jahren weiter wachsen. Experten schätzen, dass das Volumen des Marktes in den nächsten fünf Jahren deutlich ansteigen wird.
- Nachhaltigkeit: Es gibt einen zunehmenden Fokus auf nachhaltige Transportlösungen, was zu einer höheren Nachfrage nach modernen, energieeffizienten Güterwagen führt.
- Liberalisierung: Die Liberalisierung des europäischen Schienenverkehrs hat dazu beigetragen, dass mehr Unternehmen in den Markt eintreten und neue Leasingmodelle anbieten.
- Infrastrukturinvestitionen: Die Regierungen investieren in die Verbesserung der Eisenbahninfrastruktur, was ebenfalls zur Attraktivität von Leasingmodellen beiträgt.
- Marktakteure: Verschiedene Unternehmen im Bereich Güterwagenleasing positionieren sich strategisch, um von den wachsenden Marktchancen zu profitieren.
Insgesamt zeigt der europäische Markt für Güterwagenleasing positive Perspektiven, unterstützt durch ökologische Trends und wirtschaftliche Veränderungen.