Leasingmarkt für Güterwagen: Privat hat Vorfahrt vor Staat
Der Güterschienenverkehr als Investitions- und Wachstumsmarkt (Teil 1)
- von André Wreth, Geschäftsführer der Solvium Capital Vertriebs GmbH -
Güterwagen in Deutschland und Europa: Was sind die Treiber für das Bedarfswachstum?
Der Schienenverkehr ist integraler Bestandteil der globalen Logistik und unverzichtbar. Die Länder mit den längsten Schienennetzen in Europa sind in dieser Reihenfolge Deutschland, Polen, Frankreich, Italien und Österreich. Im Laufe der vergangenen 20 Jahre kam es zu umfangreichen Restrukturierungen bei den Marktteilnehmern. Staatliche Bahngesellschaften wurden teilweise oder ganz privatisiert, gingen mit privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen zusammen oder in anderen Gesellschaften auf. Aufgrund der Tatsachen, dass die letzte große Investitionswelle in den 1970er Jahren stattgefunden hat (das Durchschnittsalter der Güterwagen der Staatsbahnen liegt bei etwa 40 Jahren) sowie den neuen und weitaus strengeren Vorgaben für die Umweltverträglichkeit und Bahnsicherheit, besteht ein starker Bedarf an Modernisierungs-, Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen. Ersatzinvestitionen sind und werden im Güterwagenbereich Markttreiber bleiben , da aufgrund des hohen Durchschnittsalters der Wagenflotte in Europa diese in den nächsten Jahren ersetzt werden müssen. Zu diesem Bedarf an Verjüngung und Erneuerung des Bestandes steht der Investitionsstau aufgrund begrenzter finanzieller Mittel der traditionellen Eisenbahnverkehrsunternehmen im krassen Widerspruch. Diese Lücken werden zunehmend durch Mietangebote privater Unternehmen geschlossen. Ausmusterungen haben dabei ökologische und ökonomische Gründe. Moderne Technik ist nicht nur leiser, sondern vor allem auch effizienter und leistungsfähiger. Durch die regelmäßigen Erneuerungen in den Flotten ist es möglich, größere Ladungsmengen umweltfreundlicher und günstiger zu transportieren.
Eine Studie des Eisenbahn-Bundesamts aus dem Jahr 2018 zeigt, dass es in Europa rund 642.287 Güterwagen gibt, die auf der Normalspur von 1.435 mm betrieben werden können. Laut dieser Forschungs- studie wurde für den Schienengüterverkehr in Deutschland ein Güterwagenbedarf von 190.935 für das Jahr 2021 prognostiziert. Der Bestand zu dem Zeitpunkt lag bei rund 166.200, so dass sich schon in den letzten Jahren als Langfrist-Trend ein signifikanter Nachhol- bzw. Ersatzinvestitionsbedarf abzeichnet - unabhängig von kurzzeitigen Schwankungen. Zur Einordnung: Jährlich werden in Europa ca. 7.800 Güterwagen neu zugelassen. Hierdurch wird deutlich, dass der Ersatzbedarf nicht kurzfristig zu schließen ist.
Innerhalb Europas spielt Deutschland eine entscheidende Rolle im Schienengüterverkehr. Mit einer Ver- kehrsleistung von rund 28 % kann Deutschland, im Zentrum Europas, durchaus als Dreh- und Angel- punkt bezeichnet werden. In der Reihenfolge der Größe der Schienenverkehrsmärkte folgen Polen mit 12 %, Frankreich mit 7 % sowie Schweden, Österreich und Italien mit je 5 %. 
Der Güterwagen spielt eine zentrale Rolle im modernen Schienenverkehr und ist entscheidend für die Verbindung zwischen Schienentransport und logistischen Dienstleistungen. Der Marktanteil unabhängiger Güterwagenvermieter wächst stetig, während ehemalige Staatsbahnen ihre Flotten reduzieren.
Siegeszug der privatrechtlichen Marktteilnehmer
Mit der Liberalisierung des Bahnverkehrsmarktes in den 1990er Jahren und dem Aufbruch der staatlichen Monopole begann die Verschiebung der Marktanteile hin zu privaten, nicht selten international aufgestellten Eisenbahnverkehrsunternehmen. Mittlerweile beträgt ihr Anteil europaweit rund 36 %. Dieser Anteil wird sich nach Meinung von Marktteilnehmern in den kommenden Jahren bis auf 50 % und mehr erhöhen.
Die Gründe liegen vor allem in Folgendem: Staatliche Eisenbahngesellschaften bzw. Gesellschaften mit staatlichen Teilhabern investierten bislang vorrangig in den Ausbau der Schienennetzinfrastruktur, Bahnhöfe und Personenverkehr. Für Investitionen in die Modernisierung bzw. den Ausbau oder Er- halt der Güterwagenflotte standen und stehen dagegen oft nicht ausreichend Finanzierungsmittel zur Verfügung. Wenn überaltertes oder nicht mehr zu modernisierendes Equipment aus dem Markt genommen wurde, bedienen sich die traditionellen Betriebe zur Kompensation zunehmend der Leasingangebote privater Eisenbahnverkehrsunternehmen - Tendenz steigend. Hierfür müssen die (teils) staatlichen oder ehemals staatlichen Unternehmen monatliche Mieten bzw. Leasingraten zahlen, verwenden jedoch für die Anschaffung der benötigten Eisenbahnwagen kein Eigenkapital bzw. nehmen keine Darlehen auf.
So sank bspw. der Bestand an Güterwagen der DB Cargo (das Schienengüterverkehrsunternehmen der Deutschen Bahn) von 120.000 Güterwagen im Jahr 2000 auf rund 72.300 Wagen im Mai 2020. Auch bei dieser Gesellschaft ist ein zunehmender Trend der Einmietung von Eisenbahnwagen zu verzeichnen. Im Übrigen gehen die Verantwortlichen der Gesellschaft davon aus, dass demnächst das Durchschnittsalter der Güterwagen bei voraussichtlich über 32 Jahren liegen wird. Der Modernisierungs- und Verjüngungsbedarf ist entsprechend groß. Ähnlich sieht es bei den Staatsbahnen Italiens, Frankreichs, Österreichs und anderer europäischer Länder aus.
Aufgrund gestiegener, aber begrenzter Produktionskapazitäten werden europaweit jährlich nur ca. 10.000 bis 15.000 neue Eisenbahnwagen mit einem Investitionsvolumen von 1 bis 1,5 Mrd. € gebaut, was deutlich weniger ist, als tatsächlich benötigt wird. Die Bestellungen privater Eisenbahn-
verkehrsunternehmen spielen hierbei eine wichtige Rolle. Solange jedoch die Neuproduktion nicht für ausreichend Ersatzbeschaffung sorgt, wird die Eisenbahnwagenflotte insgesamt weiter im Durchschnitt veralten. Experten des SCI Verkehr rechnen damit, dass der Güterwagenanteil der privaten Vermietungsgesellschaften auf 45 % steigen wird. Somit gehen die Experten davon aus, dass der private Güterwagenbestand jährlich um ca. 2,5 % wachsen wird.
Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit
Ein Viertel der Treibhausgasemissionen in der EU werden derzeit durch den Verkehr verursacht. Ein zentraler Punkt, warum die europäischen Staaten sich heute und für die Zukunft auf den Eisenbahnverkehr fokussieren, ist demnach zweifelsohne die Umweltverträglichkeit. Die Eisenbahn ist der umweltfreundlichste Vertreter unter den Verkehrsträgern. Jede transportierte Tonne auf der Schiene spart über 80 % CO gegenüber dem Lkw ein. Aufgrund des geringen Rollwiderstandes und des in Anbetracht der üblichen Zuglänge geringen Luftwiderstandes, benötigen Güterwagen rund 75 % weniger Energie als ein handelsüblicher Lastkraft- wagen. Betrug der Elektrifizierungsgrad im Jahr 2018 noch 55 %, werden mittlerweile rund 90 % der Ver- kehrsleistung im Bahnverkehr elektrisch erbracht - ein deutliches Wachstum. Die im Bahnverkehr verwen- dete Energie stammt schon heute zu mehr als 50 % aus erneuerbaren Energiequellen und steigt fast jährlich.
Zu den europäischen Klimaschutz- und Umweltzielen gehört auch die Reduzierung des Lärms bzw. der Lärmschutz. Auch dies führt zu neuen Standards und Auflagen bei den Eisenbahnwagen, was weiteren Modernisierungsbedarf bei den europäischen Eisenbahnverkehrsunternehmen nach sich zieht. Eisenbahnwagen, die nicht durch Umrüstung diese Ziele erreichen können, müssen zeitnah aus dem Verkehr gezogen werden. Die Standards für Eisenbahnwagen werden, neben den Standards für Sicherheit und Digitalisierung, auch im Bereich des Lärmschutzes zunehmend erhöht. (Beitrag wird fortgesetzt!)
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