Die britische Finanzaufsicht Financial Conduct Authority (FCA) berichtet am 18.12.2024 über Ergebnisse einer kürzlich erfolgten Untersuchung. Die Zahlen bzw. Studienergebnisse im Provisionsverbots-Land UK sind alarmierend und entlarvend zugleich, denn sie belegen, dass junge Anleger wichtige Anlageentscheidungen innerhalb von Stunden treffen, anstatt sich die Zeit zu nehmen, um zu prüfen, ob das Produkt langfristig das Richtige für sie ist: Die Umfrage, an der jüngst 2.000 britische Anlegerinnen und Anleger im Alter von 18 bis 40 Jahren teilnahmen, ergab, dass zwei Drittel (66 %) ihre Anlageentscheidungen in weniger als einem Tag treffen, wobei sich jeder Siebte (14 %) in weniger als 60 Minuten zum Kauf entschließt.
Weitere Ergebnisse bzw. Eckdaten laut FCA: ++ Ein Viertel der jungen Anleger gibt zu, dass sie Anlageentscheidungen impulsiv treffen, um mit den aktuellen Trends Schritt zu halten ++ 550 £ beträgt der durchschnittliche Betrag, den man für ‚gehypte Anlageprodukte‘ wie z. B. Kryptowährungen ausgibt. Die Studie zeige, so die FCA, „starke Parallelen zwischen impulsgesteuerten Investitionsentscheidungen und dem Kauf von viralen Alltagsprodukten“ wie bspw. Heißluftfritteusen, Smartwatches und Energydrinks. Auch die Angst, etwas zu verpassen (‚Fear of Missing Out‘/FOMO), spielt eine große Rolle. Über die Hälfte (51 %) der jungen Anleger (18–40) investieren aufgrund von FOMO mehr Geld als ursprünglich geplant. Dieses Verhalten führe häufig dazu, dass riskantere Finanzentscheidungen getroffen werden.
Zudem haben Social-Media-Plattformen entsprechenden Einfluss: 85 % der jungen Anleger gaben an, dass Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube einen großen Einfluss auf ihre Anlageentscheidungen haben. Und 43 % nutzen diese Plattformen als ihr wichtigstes Recherchetool! Da überrascht es nicht, dass die ‚Investment-Reue‘ anschließend sehr groß ist. „Two in five investors regret purchasing a hyped investment product“, konstatiert die FCA. Zwei von fünf Anlegern bzw. satte 40 % bereuen also den Kauf eines gehypten Anlageprodukts.
Eine derartige inakzeptable Quote ist wahrlich kein Ruhmesblatt für ein Land, das von Verbraucherschützern permanent für die angeblichen Segnungen des Provisionsverbots gelobhudelt wird! Ein Grund für derart indiskutable Zufriedenheitsquoten bei Investments dürfte nicht zuletzt darin liegen, dass diese jüngeren Anleger in der Regel Selbstentscheider sind, womöglich oftmals unfreiwillige. Die FCA fordert die Anleger auf, sorgfältiger zu überlegen, bevor sie in risikoreiche oder gehypte Produkte investieren, indem sie über ihre langfristigen finanziellen Ziele nachdenken, und hält fünf Tipps, respektive „Fünf wichtige Fragen, die Sie sich stellen sollten, bevor Sie investieren“, parat.
Beginnend mit „Bin ich mit dem Risiko einverstanden? Kann ich es mir leisten, mein Geld zu verlieren?“ bis hin zu (tatsächlich leider erst als fünften und damit letzten Tipp) „Sollte ich mich finanziell beraten lassen?“ Zu letzterem erläutert die britische Aufsichtsbehörde u. a.: „Ein Berater kann Ihnen dabei helfen, einen Plan zur Erreichung Ihrer Anlageziele zu erstellen und die richtige Mischung von Anlagen auf der Grundlage Ihrer Umstände und der Höhe des Risikos, das Sie bereit sind einzugehen, zu empfehlen.“
Doch genau da beißt sich die Katze, respektive das Provisionsverbots-Land UK, in den Schwanz! Denn das 2013 im Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland eingeführte Provisionsverbot hat in UK zu einer erheblichen Beratungslücke geführt. Dies geht seit Jahren aus den sogenannten ‚Retail Investments Product Sales Data‘ hervor, einer statistischen Datenerhebung der britischen Aufsicht FCA, die ‚vt‘ und ‚k-mi‘ verfolgen und durchleuchten (vgl. ‚vt‘ 06/19, 34/20, 36/21, 29/22).
Bei einer Konsultation formulierte die FCA die Folgen des Provisionsverbotes so (eigene Übersetzung, vgl. ‚vt‘ 28/23): „Die Kombination dieser nachfrage- und angebotsseitigen Herausforderungen bedeutet, dass der Finanzberatungsmarkt nicht so effektiv funktioniert, wie er es könnte: Die Verbraucher des Massenmarktes erkennen den Wert der Finanzberatung, aber die unmittelbaren Kosten der Dienstleistung bedeuten, dass viele aus dem Markt gedrängt werden. Die obigen Daten deuten darauf hin, dass die Unternehmen entweder (a) den Massenmarkt nicht effektiv bedienen und überwiegend wohlhabendere Personen beraten, die sich die höheren Gebühren bequemer leisten können, oder (b) billigere reine Robo-Advice-Modelle anbieten, denen die Verbraucher im Allgemeinen nicht vertrauen, weil sie keine menschliche Interaktion bieten. Die Daten der FLS 2020 und 2022 (Financial Lives Survey) belegen dies: In beiden Umfragen gaben nur 8 % der Erwachsenen an, im vergangenen Jahr eine Finanzberatung in Anspruch genommen zu haben.“
Während Wohlhabende sich eine qualifizierte Beratung gegen Honorar leisten können und diese in Anspruch nehmen, ist es bei Beziehern kleiner und mittlerer Einkommen, also gerade jenen, die verstärkt in die private Altersvorsorge investieren müssten, zu drastischen Rückgängen bei der Inanspruchnahme einer Finanzanlagenberatung gekommen!
Die eine hohe Hürde für Anleger darstellenden Upfront-Kosten lassen sich quantifizieren: Der Stundensatz für Investmentberater variiert im Vereinigten Königreich nach offiziellen Angaben zwischen 75 £ und 350 £ pro Stunde, wobei der Durchschnittssatz bei 150 £ pro Stunde liegt. 150 £ entsprechen ca. 180 €. Für eine rudimentäre Beratung und Abwicklung sind 2 bis 3 Stunden als Minimum anzusetzen aufgrund der diversen Explorations- und Aufklärungspflichten gerade bei neuartigen und ‚modischen‘ Produkten wie Kryptoassets und NFT-Token etc. Somit wäre man schnell bei über 500 € Upfront-Kosten, Vergütungsmischformen mal außen vorgelassen.
Wenn junge Erwachsene bei solchen Anlässen durchschnittlich 550 £ ausgeben, wie die aktuelle Studie festgestellt hat, wird klar, dass derartige Beratungs-Szenarien vollkommen unrealistisch sind. Nicht umsonst haben sich in UK und auch in den Niederlanden längst hohe Mindestanlageschwellen etabliert (vgl. ‚vt‘ 09/23).
Die FCA befindet sich somit in einer Zwickmühle: Sie sieht einerseits, dass impulsgesteuerte Investitionsentscheidungen zu einer hohen Investment-Reue-Quote führen. Daher müsste sie eigentlich vorrangig und intensiv auf die Beratung bei regulierten Finanzberatern hinweisen. Das macht sie aber nur verhalten, wohl weil sie andererseits weiß, dass den betreffenden Anlegern nur Beratung mit für diese nicht zu leistenden Upfront-Kosten zur Verfügung steht.
‚vt‘-Fazit: Die ohnehin unplausiblen Behauptungen von Verbraucherschützern und linken Politik-Aktivisten, dass ‚keine Beratung besser sei als schlechte Beratung‘, wobei mit letzterer die Provisionsberatung gemeint ist (vgl. ‚vt‘ 11/24), erhalten weiteren Gegenwind. Stundensätze von 180 € für eine Finanzberatung können sehr gut investiertes Geld sein, wenn eine adäquate Gegenleistung erfolgt und die Anlagebeträge entsprechend hoch sind.
Durch das Provisionsverbot wurde aber im Vereinigten Königreich und auch in den Niederlanden ein niederschwelliges Angebot für Finanzberatung faktisch eliminiert. Die Früchte erntet man nun dort, z. B. in Form einer hohen Investment-Reue-Quote von 40 %.
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